in_memoriam

21 Objekte, Texte

"DIE ZEIT":

" ... zum plakativen Thema Hexenprozesse ist Ines Braun eine besonders subtile Lösung eingefallen, die ganz ohne rote Haare und grobe Besen auskommt: An der Wand hängt eine Handtaschensammlung. Die weiblichen Lieblingsaccesoires sind in der Mitte aufgeschnitten. In einer wird ein Fuchs sichtbar, in der anderen ein Kinderkopf, in wieder anderen kriechen Raupen und Käfer. Jeder der zwölf Handtaschenguckkästen erzählt die Geschichte einer Frau, die Opfer des Verfolgungswahns wurde ..." (Artikel über die Aberglaube-Ausstellung in Telgte 2012)
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Der Glaube an Zauberei und Tiermenschen gehörte lange Zeit zum alltäglichen Leben. Hexensabbat und Teufelsbuhlschaft wurden als ebenso real angesehen, wie Ritte auf Besen und Flugsalbe aus Säuglingshaut. So verschieden die Vorwürfe der Hexerei auch waren, eins eint alle verhafteten Hexen und Zauberer: sie waren (aus heutiger Sicht) unschuldig.
Dieses Projekt erinnert an Opfer, deren Geschichte im Laufe der Zeit nicht gänzlich verloren gegangen ist.
Die aufgeschnittenen Handtaschen stellen die an die Öffentlichkeit gezerrte Intimität dar. Die Buchdeckel von alten Gesangbüchern und Bibeln erinnern nicht nur an die Rolle der kirchlichen Inquisition, sondern sie verweisen auch auf die Erfindung des Buchdrucks, durch den die massenhafte Verbreitung des „Hexenhammers“ und anderer Hetzschriften erst möglich wurde. Die Objekte im Inneren der Taschen stellen Bezüge zu Anklage und Prozessführung dar oder sind Symbole der Unschuld.



 
TRINGEN VASEN
Wird von fünf anderen Angeklagten „besagt“.
Weil sie nicht gestehen will, setzt die Folter ein. Nach wiederholtem Aufziehen (hochziehen an – auf dem Rücken gefesselten – Händen), Beinschrauben und Peinstuhl (Nagelstuhl) gibt sie zu, eine Raupenplage in benachbarte Gärten gezaubert zu haben: „ ...hette irstlich Wasser, Erdt und Deufelsschmier darin gethan, und werten daraus Ruppen worden ... und würden in Deufels Namen ausgeworfen ...“
Verurteilung wegen Schadenzauber. Erfoltertes Geständnis.
Erdrosselt. Verbrannt.
Dezember 1637, Siegburg, Brückberg 
Handtasche, Buchdeckel, Käfer

PETER STUMP
Soll in Gestalt eines Wehrwolfes 16 Menschen darunter zwei schwangere Frauen getötet und gefressen haben.
Anklage wegen Buhlschaft mit einer Teufelin, Blutschande mit der Tochter, Schadenzauber.
Schwerste Folter auf dem Rad. Glühende Zangen lösen das Fleisch bis auf die Knochen. Zerschlagung von Armen und Beinen.
Enthauptung. Verbrannt. Schauprozess mit Volksfestcharakter.
31. Oktober 1589, Bedburg bei Köln
Handtasche, Gämsengehörn; Nierenschale


CHRISTINA PLUM
24, Obstverkäuferin
Bezichtigt sich selbst als Hexe. Inhaftierung. Denunziert bei Verhören viele Mitglieder der Kölner Oberschicht und des Klerus.
Wird unter der Auflage zu schweigen frei gelassen. Sie hält sich nicht daran.
Erneute Inhaftierung und weitere Verhöre. Unter der Folter denunziert sie weitere hochgestellte Personen auch im Gerichtsaal Anwesende. Panik bricht aus. Sie wird nur noch unter größter Vorsicht weiter verhört und gefoltert.
Geständnis von Hexenkunst unter der Folter. Verurteilung.
Im Tausch gegen ihren „Widerruf der Denunzierungen“ erkauft sie sich die Gnade der Erdrosselung. Verbrannt.
16. Januar 1630 Köln, Melaten

Mit Christina Plum werden die Verhörprotokolle und Namenslisten verbrannt um die Besagten der Oberschicht zu schützen. Eine arme 74- jährige Frau wird auf Grund der Besagung allerdings verhaftet, gefoltert und verbrannt. Der Prozess um Christina Plum läutet das Ende der Kölner Hexenprozesse ein.
Handtasche, Buchdeckel, Fuchsfell
ABRAHAM MADIBENG PHASA
52
Soll seinen Bruder erschlagen haben um aus dessen Körperteilen Muti (Medizin) herzustellen. Wird vom Wahrsager und Medizinmann des Dorfes – nach Befragung eines Orakels – als Hexer entlarvt und von Nachbarn und Verwandten auf der Straße gesteinigt.
Februar 1993, Mahlabela, Südafrika
Handtasche, Kamerateil, Saugball, Giftgläser


DR. ANDREAS SCHWEYGEL
70, angesehen und gebildet, Rechtsgelehrter und Vogt
Zweifelt an der Rechtmäßigkeit vieler Hexenprozesse. Versucht sie zu verzögern. Steht damit den Amtmännern im Weg. Wird als „Teufelsdiener“ inhaftiert.
Schwere, stundenlange Folter. Kein Geständnis.
Erneute schwere Folter, in deren Folge Dr. Schweygel an den massiven Verletzungen stirbt. „Zerfolterter Angeklagter“, dem „der Teufel das Genick gebrochen hat“.
Sein reiches Vermögen ­– testamentarisch den Armen der Stadt vermacht – zieht das korrupte Gericht ein.
Wird mit seinem eigenen Pferd zur Gerichtsstätte geschleift und „ ... auff das schandtlichst ...“ verbrannt.
Sommer 1636, Rheinbach
Handtasche, Buchdeckel, Teil einerTrompete, Tierfigur
im_memoriam Katharina Henot
Katharina Henot
ca. 55, postmeisterin, angehörige einer patrizierfamilie
Intrigen und rivalitäten um ihr amt spielen bei ihrer denunziation keine geringe rolle.
anklage wegen Hexerei aufgrund von zweifelhaften Indizien. entlastende argumente
und eingaben von ihrer familie werden vom Gericht systematisch ignoriert. völlige
abschottung der Gefangenen von der außenwelt.
drei- bis fünfmalige schwere folter. völlige zertrümmerung der rechten Hand.
Trotz folter kein Geständnis. verurteilung. (Gilt ohne Geständnis als Justizmord)
erdrosset, verbrannt auf Melaten.
19. Mai 1627, köln
En Volmers
60, Hebamme
der unerklärliche Tod eines schwachen säuglings, sowie einer Wöchnerin und eine
Totgeburt (die allerdings lange zeit zuvor stattfand) werden ihr zur Last gelegt.
vernehmungsrichter deuten ihre Linkshändigkeit als Teufelsmerkmal, positive stimmen
für die angeklagte werden ignoriert.
anklage wegen Hexerei und schadenzauber. verdacht auf Teufelspakt.
erfoltertes Geständnis.
Wird am selben Tag wie en konings – auch eine kölner Hebamme – hingerichtet.
27. Juli 1630 köln, Melaten
Peter von Rodenkirchen
11, Waisenjunge
Wird beim Opferstockdiebstahl erwischt und inhaftiert.
erzählt dem Gericht von Hexensabbatbesuchen, wo es „röggelchen“ und fleisch gegeben
habe, allerdings kein salz. Berichtet phantasievoll von zeremonien zur abschwörung von
Gott. Wird immer wieder zu Teufeln befragt und die aufzeichnungen seiner aussagen lassen
heute auf wiederholten Missbrauch schließen.
Wird wegen Hasenzaubers, schadenzaubers und Teufelsbuhlschaft verurteilt.
verbleibt noch bis zur volljährigkeit (Geschlechtsreife) knappe drei Jahre in Haft.
enthauptet. verbrannt.
18. dezember 1647 (?) köln, Melaten
Sophia Agnes von Langenberg
klarissin im kloster st. klara, köln
Gilt als Heilige.
Wird wegen „Teufelsbesessenheit“, teuflischen Täuschungen (ein blutendes kreuz in
ihrer zelle) und dem verhexen von nonnen (Besessenheit) inhaftiert.
denunziert unter der folter u. a. katherina Henot.
verurteilung wegen Hexerei und „anderer excesse“.
Wird in ihrer zelle erdrosselt und auf dem freidhof zu Hettighofen – wahrscheinlich
außerhalb der Umfriedung – beerdigt.
anzunehmen ist, dass ihre zofe auch verurteilt und hingerichtet wurde.
30. Januar 1627 Lechenich
Agnes Kremer
Wird von sechs frauen (alle hingerichtet) als „Teufelsfrau“ besagt. Ihr Mann (als Hexer 1637 in
siegburg zerfoltert und hingerichtet) gibt unter der folter an, sie auf dem siegburger Marktplatz
beim Hexentanz gesehen zu haben.
anklage wegen schadenzaubers. sie bestreitet, eine raupenplage verursacht zu haben,
gesteht nach zweimaliger folter allerdings, zwei schweine („zwey verken“) mit Quecksilber
vergiftet zu haben, und weitere hexentypische delikte wie sex mit dem Teufel und Teilnahme
am Hexentanz.
Hingerichtet. verbrannt.
19. dezember 1637, siegburg
Greta Bünichmann
allein stehende dienstmagd
anklage wegen Hexerei und schadenzauber. soll für den Tod von 29 pferden verantwortlich
sein und sich nachts in eine katze verwandelt haben. Hat ihren arbeitgeber
angeblich durch Handauflegen von krankheiten geheilt.
folter. Beteuert ihre Unschuld.
Unter weiterer schwerer folter gesteht sie letztlich alles, was das Gericht von ihr hören
will, zudem wird ihr der Tod eines der kinder des arbeitgebers zur Last gelegt.
angeklagt wird sie duch ihren arbeitgeber, der ihr eine größere summe Geld schuldet.
enthauptung. verbrannt.
23. Juni 1635 Münster, Galgenheide



Katharina Roesler
ca. 40-45, apothekerwitwe
die teilweise extrem hohen prozesskosten mussten von der familie der angeklagten
getragen werden, was vielen ärmeren familien ihre existenzgrundlage nahm.
der reiche ehemann katharinas wird durch einen Beschwerdebrief an den Hofrat
aktenkundig. er weigert sich, die hohen prozesskosten von 100 reichstalern
(Wert eines Hauses) zu zahlen, und beharrt darauf, das Geld vom Großvater der
verurteilten einzufordern.
Ihr reiches erbe fällt an ihn.
Winter 1629/30, Bonn

Sibylla Vogelsang

ca. 60 Jahre alt
Ihr Fluchtversuch bei ihrer Festnahme wird als Schuldeingeständnis gewertet.
Ihr werden Glaubensfrevel, Schadenzauber und Buhlschaft mit dem Teufel zur Last gelegt. Weil sie nicht gestehen will, wird sie mehrfach schwer gefoltert.
Sie stirbt unter der Folter auf dem Peinstuhl. (Nagelstuhl)
Bei der Leichenbesichtigung des Gerichts wird festgestellt, dass der Teufel ihr wohl das Genick gebrochen hat.
Keine Freigabe zur Beerdigung, stattdessen unrechtmäßige Verurteilung (kein Geständnis) als Hexe.
Verbrannt.
18. September 1636, Siegburg

Entgen Lennarts
10, vagabunierendes Bettelkind. Halbwaise
vater tot, von der Mutter verlassen
Bezichtigt sich selbst als „Teufelsliebchen“ und gesteht nach ihrer Inhaftierung bei
verhören das, was sie auf der straße aufgeschnappt hat: Bündnis mit dem Teufel,
schadenzauber und Teufelsbuhlschaft.
zweimalige folter. verbleibt noch zwei Jahre in Haft.
Unmittelbar nach der volljährigkeit (Geschlechtsreife) erfolgt ihre verurteilung.
enthauptet. verbrannt.
18. februar 1655, köln, Melaten



Tringen Vogts
ca. 48 Jahre alt
Wird von drei bereits hingerichteten Frauen besagt.
Sie wird inhaftiert und gefoltert.
Insgesamt widerruft sie drei Mal ihre erfolterten Geständnisse, danach wird die Tortur jeweils bis zum erneuten Geständnis fortgesetzt.
Sie äußert Selbstmordabsichten: ... wünscht sich zu essen und zu trinken, dass sie daran bersten möge ...
Zwei Teufelsaustreibungen und weitere Folter.
Gesteht, weil sie kein Entkommen sieht und weiteren peinlichen
Befragungen entgehen will.
Sie besagt unter der Folter 11 weitere Frauen, von denen drei bereits
verbrannt sind. Alle anderen überleben.
Geständnis. Todesurteil. Erhängt. Verbrannt.
1638 Siegburg, Galgenberg
 
God’s Gift (Gottesgeschenk)
ca. 14 Jahre alt
Für die Eltern ist die Geburt der Tochter ein Gottesgeschenk, daher
erhält sie ihren ungewöhnlichen Namen.
Als der Vater krank wird, eine neugeborene Schwester stirbt und immer weniger zu Essen da ist, sucht die Mutter Rat beim Priester.
Der Priester sagt God's Gift sei schuld an der Misere der Familie
und sie sei vom Teufel besessen.
Misshandlung, Folter und versuchter Mord mit der Machete
(von ihren Verwandten ausgeführt).
God’s Gift gesteht unter den Misshandlungen die Hexereivorwürfe
und flieht von zu Hause.
Sie lebt heute im Heim des Child's Right and Rehabilitation Networks, Nigeria und hofft, eines Tages nach Hause zurückkehren zu können.
2016, Nigeria, Eket, Niger-Delta